Weingarten – zur Lage und Vorschläge

  1. Zur Lage in Weingarten: Um was geht’s?

1.1     Der letzte Sozialbericht DatenReport 2014 der Stadt Freiburg i.Br. vom November 2014 (jeweils mit Seitenangaben), ergänzt durch die Daten von www.fritz.freiburg.de sowie durch die Ergebnisse der Bürgerumfrage 2012 des Amtes für Bürgerservice und Informationsverarbeitung der Stadt Freiburg, zeigt für den Stadtteil Weingarten:

  • Mit 10751 Einwohnern ist Weingarten der bevölkerungsstärkste Stadtteil Freiburgs, damit lebt ca. jede/r 20. Freiburger Bürger/in in Weingarten (S.9,12).
  • In Weingarten ist jede/r Fünfte unter 18 Jahren (im städtischen Durchschnitt: 15,9 %), und 25,3 % sind über 60 Jahre alt (im städtischen Mittel: 21,3%) (S.13,14).
  • Der Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund beträgt 48,5 % (nach Brühl-Industriegebiet mit 55,6 %) und liegt damit fast doppelt so hoch wie im städtischen Durchschnitt (26,1 %) (S.7,16); Beobachtungen in Schulen und Kindergärten zeigen bei diesen Zahlen eine eher steigende Tendenz. Beim Anteil der Menschen mit anderer Staatsangehörigkeit liegt Weingarten an zweiter Stelle mit 24 % (städtisches Mittel: 14 %) (S.8,18); ebenso an zweiter Stelle liegt Weingarten mit dem Anteil an Aussiedlern mit 8,6 % (städtisches Mittel 4 %) (S.8,19).
  • Wohnen: Der Anteil der Einpersonenhaushalte liegt in Weingarten deutlich unter dem städtischen Mittel, die Zahl großer Wohnungen hingegen ist in Weingarten vergleichsweise seltener (S.21,23). – Mit insgesamt 5.104 Wohnungen im Jahr 2014 gibt es im Stadtteil die größte Zahl an Wohnungen in Freiburg. Dabei ist etwa jede zweite Wohnung gebunden, das sind fast doppelt so viele Wohnungen wie im diesbezüglich zweithöchsten Stadtteil; der gesamtstädtische Wert liegt bei 12,3 %, 2/3 der Stadtteile liegen unter diesem Mittelwert: Weingarten nimmt hier also eine ganz besondere Stellung ein. – Knapp 5 % der Wohnungen sind selbstgenutztes Eigentum. – Laut Badische Zeitung vom 18.07.2013 „besitzt die Stadtbau 2308 Wohnungen“ in Weingarten, während sie in Vauban und Rieselfeld zusammen nur „326 Stadtbau-Wohnungen“ unterhält. Es lebt also – unter der Annahme von durchschnittlich zwei bis drei Personen pro Haushalt – etwa die Hälfte der Bevölkerung vorwiegend mit Wohnberechtigungsschein.
  • 10,5 % der Weingartnerinnen und Weingartner zwischen 15 und 65 Jahren sind arbeitslos, diese Ziffer ist damit ca. 2,5mal so hoch wie im städtischen Durchschnitt und 4 bis 5mal so hoch wie die in Mittelwiehre, Vauban, Neuburg, Waldsee, Herdern-Nord, St. Georgen-Süd (S.38). – Die Arbeitslosenquote bei Frauen liegt in Weingarten im vorderen Feld, bei Ausländern mit 36,4 % ganz vorne. Von 2008 bis 2012 hat die Quote der Empfänger von Alg 1 um ca. 20 % abgenommen, die der Bezieher von Alg 2 hat jedoch um fast 11 % zugenommen und liegt mit 245 von 1000 Einwohnern im Vergleich mit anderen Stadtteilen weit vorne.
  • Bildung: Weingarten hat mit 37 % der höchste Anteil an Hauptschulabgängern in der Stadt, entsprechend geringere Zahlen bei anderen Schulabschlüssen, mit 19% die zweitniedrigste Ziffer bei Hochschulabsolventen. Im Stadtteil gibt es kein Gymnasium, keine Real- oder berufliche Schule.
  • „In Weingarten lebt … fast jede vierte Person auf der Basis von Grundsicherungsleistungen“ (S.42). Der Anteil der Bedarfsgemeinschaften nach SBG II an den Wohnbevölkerung ist mehr als 3mal so hoch wie im städtischen Durchschnitt, ca. 9mal so hoch wie in Herdern und ca.10mal so hoch wie im diesbezüglich bestgestellten Stadtteil St. Georgen-Süd (S.53). – Die Zahl der Hilfsbedürftigen (ob erwerbstätig, nicht erwerbstätig, alleinerziehend oder nicht erwerbsfähig) ist in Weingarten besonders hoch.
  • Die Armutsgefährdungsschwelle liegt 2012 in Freiburg bei 928 €. Die bei Weitem größte Armutsgefährdung aller Stadtteile besteht in Weingarten: Sie ist etwa doppelt so hoch wie im städtischen Durchschnitt, mehr als 3mal so hoch wie in Herdern und 13mal so hoch wie in Günterstal (S.119).
  • Mit der Wahlbeteiligung und (mit Brühl) bei der erfragten Zufriedenheit mit dem eigenen Stadtteil liegt Weingarten am Ende der Skala. Viele Nichtwähler/innen wären zu gewinnen…

Deutlich wird, dass vor allem Armut, ja ihre Konzentration, aber auch die Beanspruchung durch große soziale Integrationsaufgaben sowie mobile Bevölkerungsgruppen das Leben im Stadtteil bestimmen; es handelt sich zudem um einen Stadtteil mit einem durchschnittlichen Bildungsniveau am unteren Rand des Freiburger Spektrums. Die resignative Selbstbeschreibung ihres Stadtteils durch viele Jugendliche als „Ghetto“ ist Ausdruck dieser sozialen Gesamtsituation.

1.2     Nach allgemeiner Erfahrung

  • lassen Infrastruktur (z.B. Kinderspielplätze neben Müllplätzen) sowie die Anstrengungen von Eigentümern (z.B. des EKZ) und Behörden nicht selten sehr zu wünschen übrig.
  • ist das Potential an ehrenamtlicher Arbeit angesichts der sozialen Aufgaben im eigenen Stadtteil sehr stark beansprucht, ja weitgehend erschöpft.

 

  1. Was ist zu tun? Ein Beitrag, ein Weg: soziale Mischung …

Eine ausgeglichene Mischung der Bevölkerung – sozial, kulturell, ethnisch – ist für die Stadt Freiburg wünschenswert. Der Stadtteil Weingarten ist von einer ausgeglichenen Lage weit entfernt. Soziale Mischung kann ein Beitrag zu sozialem Frieden und sozialer Entwicklung sein; und sie kann verhindern, dass ein Stadtteil „umkippt“. Dafür ist es wichtig, gegenwärtig – in Weingarten und in Freiburg – gegebene und hierfür geeignete Bedingungen zu nutzen:

2.1.     Jedes Jahr ziehen (lt. www.fritz.freiburg.de) ca. 600 Menschen in Weingarten zu bzw. weg, und der Binnenzuzug liegt bei über 830 Personen, der Binnenwegzug bei ca. 750. Dies stellt eine Bedingung dar, die kontinuierlich zur Förderung sozialer Mischung genutzt werden muss; dies kann etwa dadurch gemacht werden, dass regelmäßig erhebliche Anteile an Wohnungen für Neubewohnerinnen und Neubewohner mit verschiedenen ökonomischen, materiellen und sozialen Herkünften zur Verfügung gestellt werden. Angesichts des großen Anteils von Binnenzuzug bestehen möglicherweise größere Steuerungsmöglichkeiten.

2.2.     Dieselbe Möglichkeit bietet aktuell und in den kommenden Jahren die begonnene und weiter geplante Sanierung von einzelnen Bereichen Weingartens. Die Neubelegung etwa von Hochhäusern infolge umfassender Sanierung muss dieser Zielsetzung sozialer Mischung folgen. Dies ist hier möglich, da Mieterinnen und Mieter, die mit Rückkehrrecht wegen der Sanierung ausgezogen sind, dieses Recht sehr oft nicht wahrnehmen, sondern in ihren neu bezogenen Wohnungen verbleiben.

Gelungene Beispiele in den letzten Jahren sind etwa die Neubelegung nach Sanierung der beiden „16-Stöcker“ Bugginger Str. 50 und Bugginger Str. 2. Im ersten wurden zwei Stockwerke durch die Universität für Gastdozentinnen und –dozenten und andere Universitätsangehörige belegt, bei letzterem wurden zwei Stockwerke für Ältere, die sich gegenseitig unterstützen, zur Verfügung gestellt. Solche Prozesse müssen unbedingt rechtlich weiter ermöglicht, politisch unterstützt, wenn nötig finanziell gefördert und mit den Bürgerinnen und Bürgern Weingartens auf Augenhöhe sozial gestaltet werden. ­­­– Atmosphäre und soziales Leben um diese Hochhäuser haben sich durch diese Veränderungen spürbar verbessert. Neben Universitätsangehörigen und Projekten für Ältere können auch (in Weingarten) Studierende u.a. (stärker) berücksichtigt werden.

2.3.     Soziale Mischung in Weingarten muss zudem durch Umwandlung von Erbpacht in Eigentum gefördert werden sowie durch weitere Angebote zum Erwerb von selbstgenutztem Wohnraum etwa für junge Familien; des weiteren durch Angebote für Mietshäusersyndikate und genossenschaftliche Wohnformen.

2.4     Mietpreis- und Belegungsbindungen in Weingarten und in allen anderen Stadtteilen müssen verlängert werden.

2.5     Bezahlbarer Wohnraum muss in anderen, in möglichst allen Freiburger Stadtteilen neu gebaut werden, (vermehrt) sozialer Wohnungsbau also auch in z.B. Herdern, Günterstal u.a. Stadtteilen.

 

  1. … zum Ziel: Ausgeglichenere Verhältnisse in Weingarten, in anderen Stadtteilen sowie in der gesamtem Stadt Freiburg. – Wozu und wie?

Das Ziel sozialer Mischung in Weingarten steigert soziale Attraktivität und verbessert die Kaufkraft. So kann in Weingarten auch Spielraum für Investitionen in die Entwicklung von Infrastruktur entstehen, geschaffen und unterstützt werden; solche Investitionen sind – im Vergleich zu anderen Stadtteilen – dringender notwendig: private Investitionen etwa zur Eröffnung von Gaststätten, Cafés u.a. bzw. öffentliche zur Errichtung von (auch konfessionell unabhängigen) Sozial- und Kultureinrichtungen wie in anderen Stadtteilen.

Ein solcher Weg fördert zivilgesellschaftliche Aspekte und er verringert lokalpolitisch vorhandene paternalistische bzw. maternalistische Stile und Strukturen (bei freien Trägern, Bürgervereinen, Stichwort: „nicht nur Quartiersarbeit von oben“). So wird Pluralität möglich, wie sie zur demokratischen Entwicklung – auch in Weingarten – politisch sehr wünschenswert ist.

Eine gute Zahl von Stadtteilen hat eine zum Profil Weingartens gegenläufige Struktur. Soziale Mischung kann nicht in einem Stadtteil allein erreicht werden. Es ist eine Aufgabe aller Freiburger Stadtteile. Nur so kann das Problem gelöst werden.

Grundsätzlich sind zwei Bereitschaften hierfür unerlässlich: (1.) Die Sorge um Weingarten und evtl. um ähnliche Bereiche in wenigen anderen Stadtteilen und (2.) die verstärkte Bereitschaft zur Übernahme von sozialen Lasten und Aufgaben in anderen Stadtteilen bzw. der politische Wille zur Zuordnung sozialer Aufgaben in andere Stadtteile; zudem als Anfang ein Stopp bei der Tendenz, solche Aufgaben weiter nach Weingarten (und in den Freiburger Westen) zu verlagern.

Als Beispiel kann Hamburg gelten: Marit Pedersen (stellvertretende Amtsleiterin der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt Hamburg) erläuterte bei einer Veranstaltung zum Perspektivplan Freiburg am 30.06.2014 im E-Werk, dass Hamburg als „grüne, gerechte und wachsende Stadt lebenswerte, gemischte Quartiere“ zum Ziel erklärt hat. Die „nicht-bei-mir-Haltung“ sei durchbrochen worden, beim Wohnungsbau würden 2/3 frei finanziert und 1/3 öffentlich gefördert ­– und das gelte für die ganze Stadt, für alle Stadtteile. 20 % der städtischen Fläche gehen an Baugemeinschaften, diese werden gefördert, „auch wenn das richtig Geld kostet“. Was sind den Freiburgerinnen und Freiburgern ausgeglichene(re) Lebensverhältnisse wert?

k.braun 30-03-2015

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s