bi4w zu Quartiersarbeit in Freiburg

bi4w – Bürgerinnen und Bürger initiativ für ein gutes Leben in Weingarten

E-Mail: bi4w@gmx.de  –  www.bi4w.wordpress.com

Freiburg – Weingarten, 13.01.2017

Orientierungspunke für Quartiersarbeit in Freiburg

  1. Bedarfsorientierung

Quartiersarbeit wird in allen Quartieren durch verschiedene Kräfte geleistet, durch verschiedene ehrenamtliche und (wo notwendig) durch hauptamtliche Kräfte, sowie durch den Beitrag der gesamten Stadt.

In manchen Quartieren braucht es die Unterstützung durch die Gesamtstadt. In einzelnen Stadtteilen stärker als in anderen. Deshalb begrüßen wir im cons­_sens-Gutachten zur Quartiersarbeit in Freiburg von 2016 den Orientierungspunkt Bedarfsorientierung sehr, die Erhebung des Bedarfs der einzelnen Stadtteile an Quartiersarbeit nach Sozialindikatoren. Wir begrüßen diesen Ansatz im Gutachten, dass sich die gesamtstädtische Unterstützung der Quartiersarbeit schwerpunktmäßig auf solche Stadtteile konzentrieren soll.

Einzelne Stadtteile – so etwa Brühl-Beurbarung und besonders Weingarten – sind im Gutachten  (S. 36) nach sechs verschiedenen Sozialindikatoren­ als Stadtteile mit besonders schwachem Statuswert und entsprechend besonders hohem Bedarf ausgewiesen.

Wir bedauern allerdings sehr, dass für uns unverständlicherweise seitens der Stadt den Gutachtern die erforderlichen Daten zur Darstellung zweier weiterer Sozialindikatoren, nämlich „Altersarmut“ und „Perspektivlosigkeit“, nicht zur Verfügung gestellt werden konnten (S. 32).

Daten für diese beiden sehr relevanten Sozialindikatoren – „Altersarmut“, definiert als Anteil der Empfänger/innen von Mindestsicherung im Alter, und „Perspektivlosigkeit“, definiert durch den Anteil der Schüler/innen ohne Schulabschlüsse – wären für den Gutachter sicher sehr hilfreich gewesen, um das Bild zum wirklichen Bedarf an Unterstützung durch Quartiersarbeit in diesen besonders bedürftigen Stadtteilen noch deutlicher und angemessener herauszustellen.

Die sehr problematische Lebenssituation älterer Menschen kam in der Studie Generation 55plus von 2016 besonders eindrucksvoll zum Ausdruck. Es heißt dort etwa: „Weingarten hat … die niedrigste Lebensqualität im höheren Alter und den niedrigsten Wert bei der strukturellen Privilegierung ab 55 Jahren.“ (S. 141; s. auch S. 104,108,116)

Dies zeigt, wie absolut bedauerlich es ist, dass der Faktor „Altersarmut“ im Con_sens-Gutachten bei der Beurteilung des Bedarfs an Quartiersarbeit in diesen Stadtteilen nicht berücksichtigt werden konnte! Beim ebenso nicht berücksichtigten Faktor „Perspektivlosigkeit“ wären wohl ähnlich verstärkende Ergebnisse zu erwarten.

Die Orientierung der Quartiersarbeit am Bedarf in den Stadtteilen und bedarfsgerechte Unterstützung durch die Stadt scheint uns so absolut geboten.

  1. Subsidiarität

Das Prinzip Subsidiarität erfordert das Nachdenken an zwei Punkten bzw. in zwei Richtungen:

2.1. Quartier: Not bzw. Unterstützungsbedürftigkeit wird im Quartier erlitten. Der Bedarf an Unterstützung, nach Art und Umfang, wird vor allem dort wahrgenommen. Entsprechend muss Quartiersarbeit dort mit dort gewonnenen Einsichten quartiersgerecht geleistet werden.

2.2. Hauptamtliche, Gesamtstadt: Hinzu kommen – nach diesem Prinzip – auf der nächsten Ebene hauptamtlich-fachliche und gesamtstädtische Stellen, die als größere Einheit bei Bedarf Hilfe („subsidium“) anbieten.

An diesen beiden Punkten liegt eine je spezifische Zuständigkeit und Verantwortung.

Im con_sens-Gutachten werden für beide Seiten – für die Arbeit der Trägervereine in den Stadtteilen und für die Stadt ­– Mängel benannt bzw. es sind an beiden Stellen Erfordernisse und Fragen für eine angemessen nützliche Qualität von Quartiersarbeit aufgeworfen.

Wir begrüßen die Sicht der Gutachter, dass beide Seiten weiter entwickelt werden müssen.

  1. Integration

Das Gutachten spricht von drei verschiedenen Optionen bzw. Wegen, die (weitgehend) alternativ behandelt werden: Quartiere / Delegation – Dachverband – Kommunalisierung.

Entsprechend dem in der Sozialpolitik sehr bewährten Subsidiaritätsprinzip stellt sich für uns die Frage: Was ist auf jeder Ebene spezifisch möglich und nötig?

Zuerst: Es darf hier kein Entweder – Oder geben. Das ist sachlich nicht angemessen. Es muss spezifische Zuordnungen geben. Wir sehen eine Integration der verschiedenen Seiten als erforderlich, sachbezogen und nützlich an.

Uns ist es ein großes Anliegen, dass nutzlose Konfrontation vermieden und öffentliches Balgen um falsche Alternativen unterlassen werden.

  1. Jede Ebene soll (nur) dort gut sein, wo sie gut sein kann

4.1. Quartier – Nähe zu den Bürgerinnen und Bürgern im Stadtteil:

Die Arbeit der einzelnen Trägervereine mit ihrer bürger- und ortsnahen Beobachtung und Kenntnis des Bedarfs in ihrem Quartier, mit ihrer Verarbeitung des im jeweiligen Stadtteil durch Bürger/innen und verschiedene Akteure signalisierten Bedarfs, ihr freier und transparenter Umgang mit diesen Signalen in Quartiersräten, Stadtteilkonferenzen o.ä. Zusammenkünften sowie die dort abgestimmte Gestaltung ihrer Arbeit, z.B. Prioritätensetzung, muss möglich sein und bleiben.

Ein (Mit)Bestimmungsrecht über die Verwendung der dem Stadtteil zugestandenen Mittel muss den Quartiersräten bzw. Stadtteilkonferenzen zugestanden werden. Die Kernverantwortung für die Quartiersarbeit in einem Stadtteil liegt bei diesen Quartiersräten bzw. Stadtteilkonferenzen. Die Quartiersarbeit muss im Stadtteil (mit) gestaltbar sein und bleiben.

Stadtteilspezifisch plurale Ansätze sind als Ausdruck der unterschiedlichen Lebenswirklichkeit in den einzelnen Quartieren positiv zu bewerten und begrüßenswert. Das häufig kritisch vorgebrachte Mantra „9 Trägervereine, 12 Stadtteile …“, meist wird dabei noch die Stadt vergessen, verkennt diese notwendig plurale Orientierung.

4.2. Zusammenarbeit der Träger – Fachlichkeit:

Die spezifische Stärke der Zusammenarbeit oder eines Zusammenschlusses von Trägervereinen, evtl. eines Dachverbands, liegt in den vor allem dort möglichen fachlichen Beiträgen:
fachliche Standards entwickeln, stadtteilspezifische Profile von Quartiersarbeit herausarbeiten, Supervision, Fortbildung und fachliche Unterstützung für Mitarbeit/inne/n u.a.

Diese spezifische Kompetenz, diese fachlichen Fähigkeiten und Erfahrungen müssen auf dieser Ebene zur Entfaltung kommen können. Da braucht es keine zentrale Order, sie ist sachlich unangebracht und muss deswegen unterbleiben.

4.3. Stadt Freiburg, Verantwortung und Möglichkeiten der Gesamtstadt – Bedarfsgewichtung:

Die Probleme und Bedarfe der einzelnen Stadtteile sind nicht einfach Probleme nur dieser Stadtteile: Die Stadt Freiburg hat ihre wichtigen sozialen Aufgaben in einzelnen Stadtteilen stärker platziert als in anderen. So ergeben sich für die Gesamtstadt Aufgabenstellungen, die nicht in den Quartieren und nicht von den Trägervereinen, sondern nur mit der gesamten Stadt Freiburg geleistet werden können.

Dabei handelt es sich vor allem um Bedarfsgewichtung:
Die Gesamtstadt bringt ihren spezifischen Beitrag dadurch ein, dass sie z.B. durch Förderung wissenschaftlicher Untersuchungen Grundlagen für eine Bedarfsgewichtung in den einzelnen Stadtteilen schafft, und dadurch, dass sie den Stadtteilen spezifische finanzielle Unterstützung bedarfsgerecht zur Verfügung stellt. Weiter dadurch, dass sie auf allgemeine Grundsätze hinsichtlich Finanzkontrolle und Qualitätssicherung achtet sowie Impulse aus der Gesamtstadt einbringt.

Auch können durch gesamtstädtische Maßstäbe und Vorgaben mögliche Interessenkollisionen zwischen Trägern vermieden werden, z.B. wenn es um die Beurteilung von Stadtteilen geht, die im con_sens-Gutachten nach den zugrunde gelegten Kriterien weniger berücksichtigt werden können.

Diese Integration dieser spezifischen Beiträge der verschiedenen Ebenen trägt dazu bei, dass Elemente zur Steuerung aus jeder Ebene kommen können. Und diese Integration der (mindestens) drei Aspekte bewirkt, dass es weder einen vom Gutachter beklagten „Wildwuchs“ noch eine mancherorts befürchtete „Kommando-Quartiersarbeit“ geben wird. Und dass auf bewährten Erfahrungen weiter aufgebaut werden kann.

Susanne Drost, Sylvia Freudling, Martina Pawellek, Beate Pöhl, Konrad Braun, Michal Grman, Michael Hein, Berthold Metz, Harald Pawellek, Reiner Pöhl, Volker Radimirsch. 

bi4w c/o S. Freudling, Kath.-v.-Bora-Str. 26, 79114 Freiburg. 13.01.2017

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s