bi4w – Eine erste Stellungnahme (27.11.2015)

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bi4w – EINE  ERSTE  STELLUNGNAHME
zu „Machtfrage in Weingarten“ (BZ 15.11.2015) und zu „Unfrieden in Weingarten“ (BZ 24.11.2015)

„Machtfrage in Weingarten“ (Bürgerverein / Forum) – das hat gerade noch gefehlt. Aber leider wohl keine ganz unzutreffende Überschrift. Es gehe um die „Lufthoheit im Stadtteil“. Haben sich da zwei ineinander verhakt, im Streit um vermeintliche Alleinvertretungsansprüche? Weingartendarsteller / innen in Frontstellung? Zum Glück weitab vom Leben im Stadtteil. Der ist anders unterwegs, schöne Dinge im Stadtteil sind davon wenig beeinträchtigt. Erfahrungen in breitem Zusammenleben, dickhäutige Gleichgültigkeit gegenüber Vorurteilen, oft abgehängt, und doch mit Bewusstheit für den eigenen Wert. Aber auch seine Not ist nicht unbedingt im Fokus der vermeintlichen Alleinakteure. Sich gegenseitig im Weg stehen, sich verheddern bei diesem Repräsentiergehabe: Das sind Machtfragen als Karikatur. Den Stadtteil mit seinen Aufgaben und seiner Schönheit lassen sie weit links liegen. Einen Weg abseits dieses polarisierten Machttheaters zu gehen, ist möglich und nicht sinnlos. Die bi4w haben das mehrfach gezeigt.

Die Sozialarbeit in Weingarten – und das ist eine Frage an die gesamte Sozialarbeit im Viertel, und nicht oder weniger an die Arbeit des Forum Weingarten – hat oft wenig Zutrauen in die Möglichkeiten der eigenen Arbeit, eine gelegentlich zu negative Sicht auf ihre Klientel, und äußert sich gelegentlich mitleidig, leicht abwertend gegenüber den „übrigen“ Einwohnern, der Mehrzahl der Nicht-Klienten im Stadtteil.

Verleitet das Konzept der Gemeinwesenarbeit immer wieder dazu, den ganzen Stadtteil als Klienten zu sehen, sich so mit großem Gefühl von Zuständigkeit ausgestattet, gar „mächtig“ zu fühlen, und so in Betreuungshaltung der Gesamtbevölkerung des Stadtteils gegenüber zu geraten? Kommt andererseits der Einzelklient / die Bedürftige da gelegentlich zu kurz? Gibt’s z.B. zuviel Komm-, und zu wenig Bringorientierung?

Fragen an die Sozialarbeit. Für einen kritisch begleitenden Dialog. Mit der Bevölkerung. Und auf keinen Fall im Gefühl, Sozialarbeit hier sei überflüssig.

Der Bürgerverein: Bürgervertretung? Nein, ein Verein. Ein kleiner Verein, sehr wenige Aktive. Er will seine Stimme auch dazwischen bringen, strebt gelegentlich nach Macht, ist öfter mit Scheingeltung zufrieden. Er rühmt sich gern einer direkten, roten Telefonverbindung zum OB. Und er ist versucht, mit (Pseudo)Pfunden zu wuchern, vor allem wohl repräsentieren zu wollen. Vieles gerät leider zur – die Sachen hindernden – Egonummer von Akteuren.

Wer sich, wie der BV, initiativ mit wichtigen Akteuren im Stadtteil überwirft: nicht nur mit dem Forum, das seit 1989 sozial integrativ im Stadtteil tätig ist, sondern etwa auch mit der Kirche, einem wichtigen sozialen Akteur seit Stadtteilgründung, und nicht zuletzt und regelmäßig mit gutwilligen und engagierten Akteuren im BV, und dort z.B. einen doch beachtlichen Verschleiß an Vorstandsmitgliedern hat – wer es sich also mit so vielen verdirbt, und wer die Spaltung des Gebiets des Bürgervereins in zwei Vereine mit provoziert hat, u.ä. … – kann der oder die kooperativ alles (oder zumindest das Wichtigste) richtig gemacht haben? Hat der seinen Auftrag erfüllt oder nicht vielmehr versagt? Angesichts des öffentlich erklärten Ziels des BV, im Stadtteil kooperieren und nach gemeinsamen Lösungen suchen zu wollen, könnte es bei ihm doch auch möglich werden, in der Umsetzung den Anderen etwas näher zu kommen?! Da braucht es keine Rücktrittsschreiben mit vielen Seiten Schuldzuweisung an die Anderen, aber ohne jede Zeile Selbstkritik.

Was braucht es? Und was nicht?

– Eine offene und öffentliche Diskussion über Sozialarbeit, engagierte und freie Sozialarbeit, ohne Maulkorb, auch gegenüber Stadt, Stadtbau, Stadtverwaltung und Gemeinderat; und Sicherheit auch vor Missdeutungen vermeintlicher Vertreter/innen der Bürgerschaft.

Dann braucht es auch Offenheit der Sozialarbeit für kritische Begleitung. Über Bedarf und Profil. Dazu notwendig sind Stimmen von innen und außen, fachliche Stimmen, Erfahrungen aus anderen Städten mit vergleichbaren Aufgaben.

– Keine unöffentlich heimlichen Einflüsterungen bei Stadtverwaltung und Gemeinderäten. Dabei stehen diese Einflüsterungen oft deutlich genug im Gegensatz zu vorherigen öffentlichen Reden. Und natürlich – am Ende ist’s frau nicht gewesen: nein, der Bürgerverein sei ja „nicht Vertragspartner“. Es braucht keine eitel ängstliche Bedeutungseroberung von wem auch immer, nicht zwingend eine politische Karriere aus Weingarten. Es reicht nicht, Egonummern abzuliefern. NB: Positive Erfahrungen mit Bürgervereinen in anderen Stadtteilen sollten nicht automatisch übertragen werden.

– Es braucht bei der Stadtverwaltung das Bewusstsein, dass jeder Stadtteil Funktionen für die gesamte Stadt übernommen, sie zugeteilt bekommen hat oder ihm zugewachsen sind. Manche zum eigenen Vorteil, sie bringen z.B. Arbeitsplätze, andere nicht. Den Stadtteil Weingarten hat es getroffen mit heute großen sozialen Aufgaben und Lasten, und dies bei zu Gründung des Stadtteils und lange danach stark vernachlässigter Infrastruktur, was bis heute spürbar ist. Kein leichter Rucksack, mit dem der Stadtteil Weingarten für Freiburg unterwegs ist. Da braucht es eine Stadtverwaltung und Gemeinderäte, die dazu stehen, und die Widerstand leisten, wenn das mit einfachen, manchmal oberflächlichen Vergleichen wegzureden versucht wird.

– Es braucht eine Stadtverwaltung und Gemeinderäte, die sich nicht verführen lassen, Weingarten einseitig zu sehen: positiv voreingenommen durch die Bürgervereins-Brille. Eine Stadtverwaltung, die sich nicht verführen lässt, die hier notwendige Sozialarbeit unterzubewerten, und die selbstbewusst genug ist, nicht mit Maulkorb oder gängel-motivierter Evaluation zu hantieren, sondern offen mit den Weingartnerinnen und Weingartnern zu diskutieren.

– Und eine Stadt, die sich mit ihren städtischen Institutionen Aufgaben ernsthaft stellt, z.B. dem Problem der Kinder am sog. „Müllspielplatz“. Die weiß, dass es in dem Stadtteil mit dem schönen Namen was zu verlieren und auch was zu gewinnen gibt.

– Es reicht nicht, in Weingarten nur in zwei Flaschenhälse, BV und Forum, zu gucken und nur das zu sehen, was aus diesen zwei engen Flaschenhälsen aufsteigt, Unangenehmes oder Wohliges. Kein Stieren auf zwei (oft genug Schein)Akteure. Diese Flaschenhalsnummer wird von der Stadtverwaltung noch genährt, z.B. indem sie immer wieder Post von Bürgern „über den Bürgerverein“ oder „über das Forum“ beantwortet. In diese Falle tappt auch die BZ, spricht sie doch von „zwei Organisationen, die sich als Stadtteilvertretung begreifen“: in welchem Stadtteil gibt’s nur zwei Stimmen, die gehört werden? Ist hier aber Dauersound.

– Es braucht Pluralität im Stadtteil: Verschiedene, auch widerstreitende Vorschläge für Weingarten, in angespannter und entspannter Debatte. Tätigkeit und Erfolg von Initiativen müssen bei diesen bleiben. Sich auf aufkommende Initiativen zu stürzen, diese – vor allem deren Erfolge – an sich zu reißen, ihre Ergebnisse als eigene zu verkaufen (leider im doppelten Sine des Wortes) – das braucht es nicht.

„Machtfrage in Weingarten“? Wie viele, leider nicht ganz abwegige Assoziationen stellen sich bei so vielen Leuten hier ein …. Gelegenheit für das Rathaus zur Retourkutsche für‘s Mitorganisieren der Anti-Heuschrecken-Initiative gegen den Verkauf Weingartens? Besitzstandswahrung statt Neudenken? Rücktrittsankündigung als dramatisch inszenierte Vertrauensfrage, mit kurzfristiger Terminverschiebung der Rücktritts-MV um ein paar Tage auf direkt nach der Gemeinderatssitzung zum Thema, dann als Sieges- und Auferstehungsfeier? … Was auch immer.

Wo muss man anfangen, was außen vor lassen … für eine ehrliche und offene Debatte? Notwendig ist’s, mit der gesamten Sozialarbeit in Weingarten wieder den notwendigen Kern ihrer sozialen Aufgaben zu reflektieren. Kein Grund zu Diskreditierung von Hauptamtlichen. Dieses Nachdenken darf nicht unter Existenzbedrohung stattfinden. Und dieses Nachdenken ist für niemanden ehrenrührig. Sondern eine gute Aussicht.

Reiner Pöhl, Berthold Metz, Beate Pöhl, Sylvia Freudling, Martina Pawellek, Harald Pawellek, Konrad Braun, Michael Hein, Volker Radimirsch, Susanne Drost.   27.11.2015

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